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Sonderausgabe_Bergwerk_Auguste_Victoria

8 Stadtentwicklung Steinkohle Au g u s t e V i c t o r i a FOTOS: THOMAS DÜMMERMANN (2), MARLER STERN 2015, HELMGRUPPE, TSV MARL-HÜLS Aus einem verschlafenen Ort wird eine lebendige Stadt Vor der Ansiedlung von Auguste Victoria war Marl eine kleine Gemeinde mit nicht einmal 2000 Einwohnern. Der Bergbau brachte gemeinsam mit der Chemieindustrie den Aufschwung – in wirtschaftlicher, kultureller und auch sportlicher Hinsicht.  Die Geschichte von Marl wäre ohne das Bergwerk Auguste Victoria (AV) sicherlich ganz anders verlaufen. Allerdings muss entgegen landläufi ger Meinung zugestanden werden, dass Marl nicht erst durch den Bergbau entstanden ist. Die Geschichte der Stadt reicht zurück bis ins Jahr 890 n. Chr. Aus diesem Jahr datieren die ersten urkundlichen Erwähnungen des Ortes Meronhlare im Heberegister des Benediktinerklosters von Werden. Daraus leiteten sich die späteren Namen Marlar, Maerl und letztendlich Marl ab. Was allerdings korrekt ist: Marl ist durch den Bergbau zur Stadt geworden. Vor der Ansiedlung von Auguste Victoria lebten keine 2000 Menschen in der damaligen Gemeinde Marl. Das Areal in Hüls, auf dem die Geschichte von Auguste Victoria begann, gehörte damals noch nicht zu Marl, sondern zur 1926 aufgelösten Landgemeinde Recklinghausen. Die Frage, wem Hüls und damit nicht nur die Heimat von AV, sondern auch die dort erwirtschaft eten Steuern zufallen würden, führte zu einem Wettbewerb zwischen Marl und Recklinghausen. Der Wettbewerb war jedoch von Anfang an nicht ganz fair. Denn es war der Wunsch der Entscheidungsträger von AV, das gesamte Bergwerk innerhalb eines Amtes zu vereinen. Und das war Marl. Wichtige Aufbauhelfer So bekam Marl nicht nur Hüls zugeschlagen, sondern auch Ortschaft en wie Sinsen, Lenkerbeck oder Löntrop. Daraufh in wuchsen Auguste Victoria und Marl quasi im Gleichschritt. 1936 war mit über 32.000 Einwohnern eine Größe erreicht, die die Verleihung der Stadtrechte nach sich zog. Als Hinweis auf die Entstehungsgeschichte und die enge Verknüpfung mit dem Bergbau befi nden sich im Wappen der Stadt Marl ein silberner Hammer und Schlägel. Den Aufschwung zur Stadt alleine Auguste Victoria zuzuschreiben wäre aber nicht gerecht. Denn mit dem 1905 gegründeten Bergwerk Brassert und den seit 1938 in Marl-Hüls ansässigen Chemischen Werken Hüls gab es weitere wichtige Aufb auhelfer. Der heutige Chemiepark Marl zählt etwa 10.000 Beschäft igte, die rund vier Millionen Tonnen Produkte pro Jahr herstellen. Das Areal mit einer Größe von 6,5 Quadratkilometern zählt zu den größten Chemiestand- orten Deutschlands. Im Gegensatz dazu wurde die in Marl-Brassert beheimatete Zeche Anfang der 70er Jahre geschlossen. Zu ihrer Hoch-Zeit 1956 förderten dort über 4500 Beschäft igte mehr als eine Million Tonnen Kohle im Jahr. Wirtschaftsfaktor Auguste Victoria Die frühere Ruhrkohle AG und heutige RAG Aktiengesellschaft (RAG) als Eigentümerin von AV zählte in den 2000er Jahren zeitweise zum zweitgrößten Ausbilder der Region und beschäft igte über 4000 Mitarbeiter am Standort Marl. Die Kaufk raft der Beschäft igten und ihrer Familien sowie der Bedarf an Waren und Dienstleistungen des Bergwerks hatten entsprechende Auswirkungen auf die Wirtschaft skraft der Region. Außerdem trugen die RAG und die in Marl ansässigen Beschäft igten von AV einen gehörigen Anteil zu den Steuereinnahmen der Stadt bei. Auch über die Steuereinnahmen hinaus haben die eng miteinander verknüpft en Wirtschaft szweige Kohle und Chemie Spuren in Marl hinterlassen. An erster Stelle sind infrastrukturelle Maßnahmen zu nennen, die sich vom Bau industrieller Anlagen über Wohnsiedlungen bis hin zu Transportwegen auf der Schiene, der Straße oder zu Wasser im Stadtbild wiederfi nden. Durch die zeitweise hohen Steuereinnahmen war Marl in der Lage, mit diversen architektonischen Projekten bundesweit für Aufsehen zu sorgen. Beispielsweise mit dem von den niederländischen Architekten Johannes Hendrik van den Broek und Jacob Berend Bakema gestalteten Rathaus. Darüber hinaus stellte Marl zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland einer Volkshochschule (VHS) ein eigenes Gebäude zur Verfügung. Dort befi ndet sich heute das Grimme-Institut, während die VHS „die insel“ in ein weiteres Prestigeobjekt umgezogen ist – in das Einkaufszentrum „Marler Stern“, das bis heute über das größte Luft kissendach Europas verfügt. Durch weiche Faktoren hat das Bergwerk ebenfalls Einfluss auf das Marler Leben genommen hat. Neben dem Bevölkerungsanstieg und den damit verbundenen positiven Einfl üssen aus unterschiedlichen Re - gionen, Ländern und Kulturkreisen hat Auguste Victoria sich auch um den Marler Fußball verdient gemacht. Im Jahr 1912 gründeten Bergleute den Spiel- und Sportverein Hüls, den späteren TSV Marl-Hüls. „Der Berg- bau hat die Region ent- scheidend geprägt.” Dr. Jürgen Rupp, Vorstand Finanzen


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