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Sonderausgabe_Bergwerk_Auguste_Victoria

A u g u s t e V i c t o r i a Steinkohle Ausbi ldung 2 7 „ Am Menschen arbeiten” Auguste Victoria gehörte zu den größten Ausbildern in der Region: Bis zu 500 junge Menschen erlernten zeitgleich einen gewerblich-technischen Beruf. M it dem Azubi-Jahrgang 2012 ging im Ausbildungszentrum bereits vor drei Jahren eine Ära zu Ende: Zum letzten Mal nahmen junge Menschen aus der Region dort eine Ausbildung in den drei klassischen Ausbildungsgängen Elektroniker für Betriebstechnik, Industriemechaniker und Mechatroniker auf. Ihre Abschlussprüfungen fi nden im Januar und Februar 2016 statt. Die Vorbereitungen laufen derzeit auf Hochtouren. Alle sollen ihre Lehre erfolgreich beenden, bevor sich im Ausbildungszentrum die Türen schließen. Seit 1980 schlug das Herz der technischen Ausbildung auf dem Gelände von Schacht 1/2 in Marl. Im bergmännischen Maschinenübungsraum mit einer realistischen Unter- Tage-Welt und in den großzügigen Werkstätten konnten die Azubis ungestört ihre ersten Schritte ins Berufsleben gehen. Die erste Hälft e der dreijährigen Lehrzeit verbrachten sie – einmal abgesehen von zwei Berufsschultagen pro Woche – komplett im Ausbildungszentrum. Nach der Zwischenprüfung erfolgte dann der Einsatz im regulären Betrieb. Die Quote erfolgreich abgeschlossener Ausbildungen lag immer bei 90 Prozent, oft sogar darüber. Viele Azubis brachten Bestnoten nach Hause. Beitrag für Region leisten Gleichzeitig legte das Ausbildungszentrum stets großen Wert darauf, dass die jungen Menschen nicht nur an der Werkbank stehen, sondern einen Beitrag für die Region leisten und ihr Unternehmen in der Öff entlichkeit darstellen. Das Spektrum der Azubi-Projekte ist so breitgefächert wie bunt. 2004 bauten die Lehrlinge eine Stollensauna im Freizeitbad Maritimo in Oer- Erkenschwick. 2008 schmiedeten sie ein mit Leuchtdioden ausgestattetes Altarkreuz für die Marler Sankt-Marien-Kirche. 2012 erstellten sie anhand eines Modells des englischen Künstlers Dr. John O’Rourke die 1,80 Meter hohe und 350 Kilogramm schwere Bergmannsskulptur „In - dweller“, Wahrzeichen für das Calluna-Quartier in Recklinghausen. So hinterließen die Azubis überall in der Region die Spuren des Bergbaus. Sowohl Fotos dieser Azubi-Aktionen als auch IHK-Urkunden für die Bestnoten der Lehrlinge hängen im Büro von Ausbildungsleiter Dietmar Krause gerahmt an der Wand. Der gelernte Energieanlagenelektroniker arbeitet seit 2000 im Ausbildungszentrum auf Auguste Victoria, seit 2005 steht er ihm vor. Allein in den vergangenen 15 Jahren begleitete das Zentrum mehr als 1500 junge Männer und Frauen von der Bewerbung bis zur Prüfung – darunter auch viele, die anderswo wegen ihrer schlechten Schulnoten durchs Raster gefallen wären. „Noten alleine sagen noch nichts aus, es kommt auf den Menschen an“, weiß Krause. „In der Ausbildung haben wir die Möglichkeit, am „Es hieß bei uns nie: hier die Lehrlinge, da die Aus- bilder. Die Lehrlinge waren ein Teil von uns.” Dietmar Krause, Ausbildungsleiter Auguste Victoria Menschen zu arbeiten, ihn zu fördern und zu entwickeln.“ Die bis zu 75 Ausbilder hatten dabei immer ein off enes Ohr für die Belange ihrer Lehrlinge. Kam jemand in der Ausbildung mal zu spät, drohte ihm nicht gleich die Abmahnung. Die Ausbilder fragten vielmehr nach dem Warum. „Es hieß bei uns nie: hier die Lehrlinge, da die Ausbilder. Die Lehrlinge waren ein Teil von uns“, so Krause. Und sie übernahmen schnell Verantwortung: Bei Besuchen von Schulen im Ausbildungszentrum führten sie Schüler und Lehrer durch die Werkstätten und informierten aus erster Hand über Ausbildungsinhalte. Azu bis des dritten Lehrjahrs leiteten als „Peer Coaches“ – auf Augenhöhe – Projekte, in denen die Azubis des ersten Lehrjahrs ihre Kommunikationsfähigkeiten unter Beweis stellen und ihre Flexibilität trainieren konnten. Familiäre Atmosphäre im Bergbau Die meisten Auszubildenden blickten auf eine Bergbautradition in der Familie zurück. Auf alle übte der Bergbau eine besondere Faszination aus. So auch auf Malte Fischer, heute 20, angehender Mechatroniker im dritten Lehrjahr: „Ich habe meinem ersten Einsatz unter Tage entgegengefi ebert. Unter Tage war ich in der Ausbildung sogar immer besser als über Tage.“ Der Zusammenhalt, die Kameradschaft , das Einstehen füreinander – all das gehörte zu den gelebten Werten einer Ausbildung, die auch in familiärer Atmosphäre stattfand. Die Qualität der Lehre stand für das Ausbildungszentrum immer an erster Stelle. Die Azubis lernten vieles über das für den Bergbau Notwendige hinaus. Bei den Elektronikern stand beispielsweise die Hausinstallation auf dem Lehrplan, bei den Industriemechanikern die Verrohrung von Wasserleitungen. Damit konnte das Bergwerk Auguste Victoria seinen Azubis Qualifi kationen für andere Branchen und Unternehmen an die Hand geben. So manchen ehemaligen Lehrling trifft Ausbildungsleiter Krause heute beim Einkaufen oder bei Ausfl ügen in die Umgebung wieder. Jedes Mal geht ihm das Herz auf, wenn er hört, was aus seinen Schützlingen geworden ist: Der eine leitet einen großen Elektromarkt, der andere hat gerade sein Ingenieurstudium erfolgreich ab - geschlossen. Das ist für ihn die schönste Bestätigung für die „Arbeit am Menschen“. Der angehende Mechatroniker Malte Fischer hätte liebend gerne weiter unter Tage gearbeitet. Doch er trauert dem Vergangenen nicht nach. Er freut sich auf einen neuen Lebensabschnitt. Nach bestandener Prüfung zieht es ihn im Frühjahr nächsten Jahres Richtung Norden. Mit seiner Ausbildung qualifi zierte sich Fischer für einen begehrten und besonderen Job bei der Feuerwehr in Hamburg. Die AV-Azubis bauten die Skulptur „Indweller” für das Calluna-Quartier.


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