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Sonderausgabe_Bergwerk_Auguste_Victoria

2011 investierte Auguste Victoria in eine 180 Tonnen schwere Rückladetrommel für die Rohkohlenmischhalle. Impulse für den technischen Fortschritt Nicht nur mit der frühen Anwendung des Gefrierverfahrens und dem „Schachtausbau-System Auguste Victoria” hat Auguste Victoria den Ruhrbergbau maßgeblich mitgeprägt.  Von den ersten Schürfbohrungen 1897 bis zur Stilllegung 2015 hat Auguste Victoria mehrere Epochen des technischen Fortschritts durchlaufen. Wo zu Anfang Grubenpferde die Kohle zutage förderten, entwickelte sich mit der Zeit eine ausgeklügelte Logistik inklusive eigener Schiff sfl otte. Was sind also die technischen Besonderheiten, die einen festen Platz in der Geschichte des Bergwerks eingenommen haben? Zunächst die für den Ruhrberg bau ungewöhnlich enge Verbindung zur chemischen Industrie. Zum einen bedingt durch die Eigentümerschaft der BASF, zum anderen durch die Nachbarschaft zum Chemiepark Marl. AV fungierte nicht nur als Kohlen- und zwischenzeitlich als Erzbergwerk, sondern versammelte auch zahlreiche Fabriken auf dem Werksgelände. Es gab eine eigene Zechenziegelei, ein Steinwerk, ein Kautschukwerk, eine Benzol fabrik und mehrere Kraft werke, darunter ein Höchstdruckkraft werk. Auch beim Abbau hat AV zu technischen Neuerungen beigetragen. Neue Schachtverfahren Was technische Neuerungen angeht, schlug AV bereits vor der ersten Kohlenförderung neue Wege im Ruhrbergbau ein. Nachdem die ersten Abteufversuche im Senkschachtverfahren aufgrund des vorhandenen Schwimmsandes nicht den gewünschten Erfolg erzielten, beschloss der Grubenvorstand im Jahr 1901 die Anwendung des Gefrierverfahrens. Dieses Verfahren war bisher in Bodenverhältnissen, wie sie auf AV anzutreff en waren, noch nicht im Ruhrbergbau zum Einsatz gekommen. Beim Abteufen des Schachts AV 7 wandelten die Bergleute eine neue, in den Niederlanden speziell für nicht standfeste, wasserführende Gebirge entwickelte Technik um und nutzen sie für ihre Zwecke. Und das noch vor dem ersten Einsatz dieser Technik in den Niederlanden selbst. Die Neuheit an diesem Verfahren war das Ausfüllen des 15 bis 25 Zentimer dicken Ringspalts zwischen Gebirgsstoß und Schachtausbau mit zähfl üssigem Asphalt. Üblich war bis dato das Ausfüllen mit Beton. Der Bergbau konnte dadurch schachtnah betrieben werden. Auf Grundlage dieses „gleitenden Schachtausbaus“ entwickelten die Beschäftigten das „Schachtausbau-System Auguste Victoria“, auch bekannt als „Deutscher Schachtausbau“. Dieses weiterentwickelte Verfahren kam das erste Mal beim Bau des Schachtes AV 8 zum Einsatz. Bei diesem Schacht bestand der Stoßausbau nicht mehr, wie noch bei Schacht AV 7, aus hinter Schalung gegossenem Beton, sondern aus Trockenmauerwerk. Nach dem erfolgreichen Abteufen von AV 8 wurde das „Schachtausbau-System Auguste Victoria“ zum Standardverfahren im Ruhrbergbau, wenn es darum ging, Schächte in wasserführendem, nicht standfestem Gebirge auszubauen. Für den Ruhrbergbau war der Abbau von Erz eine Besonderheit. Entsprechend erstaunt waren die Bergleute, als sie 1930 beim Auffahren der westlichen Richtstrecke zwischen der Schachtanlage AV 1/2 und dem Schacht AV 4 einen Bleizinkerzgang anfuhren. Denn damit war im Ruhrkarbon zum ersten Mal bauwürdiges Bleizinkvorkommen entdeckt worden. Die höchste Erzförderung erreichte AV während des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1943 mit etwa 360.000 Tonnen. Die Einstellung des Blei zinkerz bergbaus erfolgte 1962 aufgrund eines jahrelangen Preisverfalls. Die Aufbereitung Nach dem Übergang zur RAG wurden die Aufbereitungsanlagen 1998 auf die Anforderungen des Ruhrkohle-Verkaufs umgestellt. Um die Waschleistung von 1450 Tonnen pro Stunde zu erreichen, wurde die Feinstkornbehandlung durch den Bau eines fünft en Vakuumbandfi lters in der Leistung gesteigert. 2003 wurde erneut in die Kohlenaufbereitung investiert, so dass die Leistung noch einmal von 1450 auf 1700 Tonnen pro Stunde gesteigert werden konnte. Insgesamt wurden nun rund 35.000 Tonnen Rohmaterial auf AV täglich aufbereitet. Investiert wurde 2006 auch in eine neue Bergevorabscheidung sowie 2011 in eine neue Rückladetrommel für die Rohkohlenmischhalle. Das Mischlager bildete das Glied zwischen Förderung und Aufbereitungsanlage und konnte zweimal 25.000 Tonnen – zwei Tagesförderungen – aufnehmen. Die Rückladetrommel, die eine Gesamtlänge von 39 Metern, einen Durchmesser von fünf Metern und ein Gewicht von 180 Tonnen aufwies, wurde in der Mischhalle zur „Vergleichmäßigung der Qualität“ benötigt. Zusätzliche Investitionen waren notwendig, um die maschinelle Ausrüstung im Untertagebetrieb von der Vortriebstechnik über die Kohlengewinnung bis zu den Fördereinrichtungen auf dem neuesten Stand zu halten. Gleich zu Mutig, visionär, innovativ FOTOS: GÜNTER SCHMIDT, THOMAS DÜMMERMANN, RAG-ARCHIV, DIETMAR KLINGENBURG 1 2 Technik-Highl ights Steinkohle A u g u s t e V i c t o r i a


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