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2016_01_19_Glueck_auf_Verantwortung

Dienstag, 19. Januar 2016 Glück auf. Verantwortung. // Seite 5 Forschungsfeld Nachbergbau Wenn der Bergbau geht, bleiben viele Fragen und Herausforderungen. Wie damit umzugehen ist, wie man das notwendige Wissen dafür bündelt und welche Chancen daraus erwachsen – diesen Themen widmet sich das Forschungszentrum Nachbergbau in Bochum. Die Technische Fachhochschule Georg Agricola wurde einstmals als Bochumer Bergschule gegründet. Im Jahr 1816, um genau zu sein. Die TFH trägt die Gene des Steinkohlenbergbaus bis heute in sich, was Besuchern des ehrwürdigen Gebäudes in der Nähe der Bochumer Innenstadt nicht verborgen bleibt: Bereits im Eingangsbereich empfängt sie das historische Deckengemälde eines Bergmanns in Tracht. Fast genau 200 Jahre nach der Gründung wird an der Technischen Fachhochschule zu allen möglichen Bereichen der Rohstoffgewinnung bis hin zu Zukunftsthemen wie Smart Energy oder Materialeffizienz gearbeitet. Mit dem Forschungszentrum Nachbergbau verfügt die TFH Georg Agricola sogar über eine echte Innovation: die weltweit erste wissenschaftliche Einrichtung, in der die Herausforderungen von Bergwerksschließungen, Nachsorgemaßnahmen und Folgenutzungen umfassend erforscht werden. Aktuell steht die Beendigung des aktiven Steinkohlenbergbaus an Ruhr, Saar und in Ibbenbüren im Fokus von Prof. Dr. Christian Melchers, wissenschaftlicher Leiter des Forschungszentrums. Seine Stiftungsprofessur für Geoingenieurwesen und Nachbergbau wurde mit Hilfe der RAG-Stiftung eingerichtet, und sein Expertenrat ist in den deutschen Bergbauregionen bereits überall gefragt. Dabei geht es vor allem um die Bewältigung der sogenannten Ewigkeitsaufgaben, die nach dem Auslauf des deutschen Steinkohlenbergbaus Ende 2018 dauerhaft fortbestehen. „Dazu zählen die Grubenwasserhaltung, die Poldermaßnahmen und die Grundwassersanierung auf belasteten Bergbauflächen“, erläutert Melchers. Die Ewigkeitsaufgaben Vereinfacht gesagt, dreht sich bei den Ewigkeitsaufgaben fast alles um das Thema Wasser. Beispiel Poldermaßnahmen: Das Oberflächenwasser im Ruhrgebiet muss in vielen Gebieten für immer gepumpt werden, weil durch den Abbau der unterirdischen Kohlenschichten manche Regionen so tief abgesackt sind, dass sie ansonsten voll Wasser laufen würden. Im Bereich einiger bergbaulicher Betriebe, insbesondere auf früheren Kokereigeländen, müssen zudem verunreinigte Flächen saniert werden. Dabei gilt es, das verschmutzte Grundwasser abzufangen und in unmittelbarer Nähe zu reinigen, damit es sich nicht mit sauberem Wasser vermischen und ausbreiten kann. Das Grubenwasser schließlich, das für den Bergbau permanent abgepumpt wurde, darf nicht wieder einfach ansteigen. „Man muss verhindern, dass das salzige Grubenwasser in höhere Grundwasserschichten eindringt, etwa dort, wo Trinkwasser gewonnen wird“, so Melchers. Deshalb müsse man das Grubenwasser vorsorglich in einem hinreichenden Abstand zum Trinkwasser halten. Vorbilder für diesen Prozess gebe es durchaus, so der Professor. Über vielfältige Recherchen wurden hierzu bereits wertvolle Erfahrungen und Informationen zusammengetragen. Um ein nachhaltiges Niveau des Grubenwasserstands zu finden, arbeiten die Mitarbeiter des Forschungszentrums beispielsweise an einem völlig neuen unterirdischen Überwachungssystem. Die Experten erfassen dafür den Zustand der Strebe und Schächte, analysieren die Wasserqualitäten und beobachten die nachbergbaulichen Auswirkungen. Um Gefahren wie Tagesbrüche zu vermeiden, ermitteln sie systematisch oberflächennahe Hohlräume oder alte Erbstollen – dabei kommen nicht nur alte Grubenrisse, sondern auch modernste Satellitentechnik zum Einsatz. Der Wandel bietet auch Chancen Dem Forschungszentrum Nachbergbau eröffnen sich also reichlich Forschungsfelder. Dabei wollen die Bochumer Wissenschaftler allerdings nicht nur auf die Risiken des Bergbauerbes schauen. Schließlich bietet der historische Wandel auch zahlreiche Chancen. „Unsere Arbeit schafft die Voraussetzungen für den Einsatz von erneuerbaren Energien auf alten Flächen“, betont Melchers. Strom- und Wärmegewinnung aus Grubenwasser, geothermische Schacht- oder untertägige Pumpspeicherkraftwerke sollen in naher Zukunft saubere Energie liefern. Auch wenn derzeit die Steinkohle das Denken und Handeln der Bochumer Forscher weitgehend beherrscht, grundsätzlich möchten sie jede Art der Rohstoffgewinnung unter die Lupe nehmen. Dabei sollen neben technischen Fragen langfristig auch sozialökonomische Aspekte dazukommen. Bereits heute gibt es weltweite Forschungsaktivitäten von China bis Südamerika. Schließlich sind die Fragen, was mit Regionen nach dem Ende von Bergbauaktivitäten geschieht, von globalem Interesse. Planmäßiger Rückzug Demontage, Schachtverfüllung und Wassermanagement: Nach Stilllegung eines Bergwerks bleibt für die RAG am entsprechenden Standort noch viel zu tun. Wie umfangreich ein verantwortungsvoller Rückbau ist, zeigt das Beispiel Auguste Victoria. Wenn auf einem Bergwerk die Steinkohlenförderung eingestellt wurde, ist die Arbeit für die RAG noch lange nicht beendet. Das zeigt auch das aktuelle Beispiel des Ende Dezember 2015 geschlossenen Bergwerks Auguste Victoria (AV) in Marl. Hier müssen die Bergmänner im Laufe des Jahres 2016 noch die untertägigen Bereiche des letzten verbliebenen Baufelds ordnungsgemäß schließen. Auch über Tage gibt es eine Menge zu tun, um die zahlreichen Gebäude und Anlagen des Bergwerks der Nachnutzung übergeben zu können. Beides – der unterund der übertägige Rückbau – braucht seine Zeit. Und so werden Monate vergehen, bis die Arbeiten in Marl endgültig abgeschlossen sind. Sorgfältige Vorbereitung Der Rückzug von Auguste Victoria ist seit langer Zeit sorgfältig geplant. Dabei ist es von Vorteil, dass die Demontagearbeiten zum Tagesgeschäft der AV-Mitarbeiter gehören. „In einem Bergwerk wird ständig etwas aufgebaut und später wieder zurückgebaut. Von daher haben wir mit Rückzugsarbeiten sehr viel Erfahrung“, sagt Alfons Arentz, Bereichsleiter für Logistik und Infrastruktur auf Auguste Victoria. Eine Besonderheit gibt es aber doch: Diesmal wird nicht nur ein einzelnes Baufeld geschlossen, sondern die gesamte Infrastruktur des Bergwerks demontiert. Auf Auguste Victoria muss die Mannschaft zum Beispiel Bandanlagen mit einer Länge von insgesamt 24 Kilometern sowie die gesamte Elektrotechnik abbauen und nach über Tage fördern. Hinzu kommen schweres Gerät und zum Teil mächtige Maschinen. „Die frühe Planung hilft uns enorm. Wir erwarten sehr stabile Prozesse“, so Arentz. Beim Rückbau spielen die Themen Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. Beispiel Betriebsmittel: Was kostensparend wieder eingesetzt werden kann, wird entweder vermarktet oder in die noch aktiven RAG-Bergwerke Prosper-Haniel und Anthrazit Ibbenbüren abtransportiert. Dem Umweltschutz gilt ebenfalls ein besonderes Augenmerk. So sorgen die AVMitarbeiter dafür, dass alle anfallenden Öle und Fette sowie wassergefährdenden Stoffe ordnungsgemäß beseitigt und entsorgt werden. Die penible Einhaltung der behördlichen Umweltschutzauflagen ist dabei oberstes Gebot. Ein extern zertifiziertes Umweltmanagementsystem sorgt für zusätzliche Sicherheit. Sichere Schachtverfüllung Die Tagesanlagen von Auguste Victoria müssen ebenfalls in einem ordnungsgemäßen Zustand übergeben werden. „Ob Kohlenaufbereitung, Werkstätten oder Büros: Über Tage wird der Rückzug genauso geordnet ablaufen wie unter Tage. Dafür sorgt nicht zuletzt die detaillierte Planung unserer Arbeitsgruppen, die sich bereits seit Mitte 2013 mit dem Thema beschäftigen“, sagt Hans Freiherr, Abteilungsleiter Technik über Tage/ unter Tage. Eine der wichtigsten Aufgaben beim übertägigen Rückzug: die sichere Verfüllung der Schächte. Los geht es ab August 2016 mit den Schächten AV 8 und AV 9, im November folgen AV 3 und AV 7. Die Mannschaft errichtet in allen Schachtröhren robuste Bühnen, um die Schächte von dort aus bis zur Tagesoberfläche dauerhaft standfest verfüllen zu können. Als Verfüllmaterial kommen Sande aus Haltern am See vermischt mit Zement zum Einsatz. Über die Stilllegung des Bergwerks hinaus trägt die RAG die Verantwortung dafür, dass das Grubenwasser ordnungsgemäß gesammelt und nach über Tage abgepumpt wird. Im Zuge des neuen Grubenwasserkonzepts für das Ruhrgebiet soll das Grubenwasser zukünftig jedoch nicht mehr auf Auguste Victoria abgepumpt und in die Lippe geleitet werden, sondern über untertägige Grubenbauverbindungen zum zentralen Wasserhaltungsstandort Lohberg fließen. Dafür hält die RAG auf Auguste Victoria untertägige Strecken mit einer Gesamtlänge von rund 18 Kilometern frei. Hier werden im Zuge des Rückzugs Rohrleitungen eingebaut, über die das Grubenwasser nach Beendigung der Arbeiten nach Lohberg gelangen und von dort aus dem Rhein zugeführt werden kann. Rückbau über Tage: Zahlreiche Gebäude und Anlagen müssen in einem sicheren Zustand der Nachnutzung übergeben werden (oben). FOTO: INDUSTRIEFOTO G. SCHMIDT Rückbau unter Tage: Die gesamte Infrastruktur des Bergwerks Auguste Victoria wird de-montiert, auch die sogenannten Dieselkatzen (rechts). FOTO: DÜMMERMANN Forschung für den Nachbergbau: TFH Georg Agricola. FOTO: TFH GEORG AGRICOLA Lösungen für die Ewigkeitsaufgaben: Das ehemalige Bergwerk Walsum in Duisburg dient der RAG als Wasserhaltungsstandort. FOTOS (2): KLINGENBURG Prof. Melchers leitet das Forschungszentrum Nachbergbau an der TFH. BERGSCHADEN-HOTLINE Mit Bergschäden werden Schäden an Gebäuden, Grundstücken oder Straßen bezeichnet, die auf bergbauliche Tätigkeiten zurückzuführen sind. Im Gegensatz zu Grubenwasserhaltung, Poldermaßnahmen und Grundwasserreinigung gehören Bergschäden ausdrücklich nicht zu den Ewigkeitsaufgaben und werden daher auch nach dem Auslauf des deutschen Steinkohlenbergbaus im Jahr 2018 von der RAG AG reguliert. Um diese Aufgabe wahrnehmen zu können, hat das Unternehmen Rückstellungen gebildet. Die Regulierung ist also dauerhaft gesichert. Die RAG hat in ihrem „Service- Center Bergschäden“ eine Hotline rund um das Thema Bergschäden im Steinkohlenbergbau eingerichtet. Hier können sich Betroffene bei Schäden am Haus oder bei Neu- und Umbauvorhaben melden. Die Bergschaden Hotline ist zu folgenden Zeiten erreichbar: •Montags bis donnerstags: 7.30 Uhr bis 16 Uhr •Freitags: 7.30 Uhr bis 14 Uhr •s (0800) 272 727 1 „Unsere Arbeit schafft die Voraussetzungen für den Einsatz von erneuerbaren Energien auf alten Flächen.“ Prof. Dr. Christian Melchers, wissenschaftlicher Leiter des Forschungszentrums


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