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2016_01_19_Glueck_auf_Verantwortung

Seite 4 // Glück auf. Verantwortung. Dienstag, 19. Januar 2016 „Ewigkeit ist eine Menge Zukunft“ „Und die will gestaltet werden“, sagt Bärbel Bergerhoff-Wodopia, Vorstandsmitglied der RAGStiftung im Interview über den Auslaufprozess des deutschen Steinkohlenbergbaus, Ewigkeitsaufgaben sowie über die Förderung von Bildung, Wissenschaft und Kultur. Frau Bergerhoff-Wodopia, vor drei Jahren wurden Sie in den Vorstand der RAG-Stiftung berufen. Welche Maßnahmen stehen im Mittelpunkt der Stiftungsarbeit? Die Aufgaben und Ziele ergeben sich aus unserer Satzung. Wir tragen Verantwortung für den sozialverträglichen Auslauf des deutschen Steinkohlenbergbaus und übernehmen ab 2019 die Kosten für die Ewigkeitsaufgaben Grubenwasserhaltung, Grundwasserreinigung und Poldermaßnahmen. Hierfür bauen wir unter anderem über Unternehmensbeteiligungen den notwendigen Kapitalstock auf. Im Fokus unserer Aktivitäten steht zunehmend auch die Förderung von Bildung, Wissenschaft und Kultur in den Bergbauregionen an Ruhr und Saar. In diesem Sinne haben wir bereits zahlreiche Projekte initiiert, die dazu beitragen, das Bergbauerbe in die Zukunft zu tragen. Große Herausforderungen … … die wir annehmen und erfolgreich meistern werden. Vor allem, indem wir bei all unseren Aktivitäten eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten – ob stiftungsintern im Vorstand, im Kuratorium und in der Arbeitsgemeinschaft der Betriebsräte in der RAG-Stiftung oder auch mit starken Partnern an unserer Seite. Mit Blick auf den deutschen Steinkohlenbergbau zählen hierzu besonders die Mitglieder des RAGVorstands und die Vertreter der Mitbestimmung. Lassen Sie uns auf den Auslauf des deutschen Steinkohlenbergbaus blicken. Welche Entwicklungen zählen aus Ihrer Sicht zu den bisher größten Erfolgen? Ganz klar die sozialverträgliche Personalanpassung, die nicht nur in Deutschland ihresgleichen sucht. Unter dem unverrückbaren Grundsatz „Kein Bergmann fällt ins Bergfreie“ gelang es bisher hervorragend, für RAG-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht in den Vorruhestand gehen können, neue berufliche Perspektiven jenseits der Werkstore zu schaffen. Von diesen einst rund 3000 Bergleuten verbleiben aktuell nur noch etwa 730. Eine herausragende Vermittlungsleistung des Bergbaus, die besonders auf dem engen Zusammenspiel des Unternehmens mit den Sozialpartnern beruht. Und als weitere Erfolgsfaktoren nicht zu vergessen: der hohe Grad an Leistungsbereitschaft, Flexibilität und Solidarität in der Belegschaft. Als Stiftungsvorstand und mitverantwortlich für die sozialverträgliche Personalanpassung im deutschen Steinkohlenbergbau, aus dieser Innenansicht heraus – wie steht’s um die Stimmung in der Belegschaft? Trotz des Auslaufprozesses ist in der Belegschaft keine Resignation zu spüren. Die Bergleute zeigen ein hohes Maß an Motivation und Zuverlässigkeit. Bei der im Jahr 2013 durchgeführten Mitarbeiterbefragung gaben 81 Prozent der Befragten an, stolz darauf zu sein, für die RAG zu arbeiten. Diese Motivation und Verbundenheit der Mitarbeiter zum Bergbau tragen dazu bei, dass der Auslaufprozess planmäßig fortgeführt „Es liegt in unserer Verantwortung, einen Beitrag zum Wandel in den Bergbauregionen zu leisten und Perspektiven für die Menschen zu schaffen.“ Bärbel Bergerhoff-Wodopia, Vorstandsmitglied der RAG-Stiftung werden kann. Außerdem spüren die Mitarbeiter die Sicherheit, nicht alleine gelassen zu werden. Im Jahr 2018 stellt das letzte RAGBergwerk die Förderung ein. Welche Mittel stehen der RAG-Stiftung zur Verfügung, um das von Ihnen angesprochene Bergbauerbe zu bewahren? Der Steinkohlenbergbau förderte nicht nur Kohle zutage, sondern ebenso ein umfassendes Know-how. Bergbauregionen entwickelten sich so auch zu Wissensrevieren. Fachkräfte, deren Aus- und Weiterbildung stets eine wichtige Rolle spielte, brachten neue Technologien und Verfahren hervor, die weltweit gefragt sind. Auch das ist Teil des historischen Erbes. Für die Zukunft müssen wir dieses Wissen bewahren und weiterentwickeln. Deshalb unterstützt die RAG-Stiftung den weiteren Ausbau des im Oktober eröffneten Forschungszentrums für Nachbergbau an der Technischen Fachhochschule Georg Agricola zu Bochum. Hierzu gehört auch die Finanzierung einer Stiftungsprofessur für den Masterstudiengang Geoingenieurwesen und Nachbergbau. Außerdem stellt sich die Frage, wie sich die Geschichte des Bergbaus an künftige Generationen weitergeben lässt. In diesem Sinne übernehmen wir als Stiftung auch gesellschaftspolitische Verpflichtungen, denen die RAG nach 2018 nicht mehr nachkommen kann. Schon heute leisten wir Unterstützung bei unterschiedlichen Institutionen, die sich im Sinne des historischen Erbes engagieren. Dazu zählt vor allem das Deutsche Bergbau-Museum in Bochum, das das Gedächtnis des deutschen Steinkohlenbergbaus zentral beherbergen wird. Für die Modernisierung des DBM bis Ende 2018 nimmt die RAG-Stiftung 15 Millionen Euro in die Hand. Auch an der Saar unterstützen wir die Aktivitäten zur Wahrung des dortigen Bergbauerbes. Die ehemaligen Bergbauregionen in Nordrhein-Westfalen und im Saarland vollziehen zurzeit einen tiefgreifenden Strukturwandel. Welchen Beitrag kann die Stiftung zum Gelingen des Prozesses leisten? Der deutsche Steinkohlenbergbau war jahrelang ein sehr erfolgreicher Industriezweig und erreichte weltweites Ansehen. Das gelang vor allem deshalb, weil die Menschen in den Regionen hart arbeiteten und stets eine hohe Einsatzbereitschaft an den Tag legten. Deshalb dürfen wir sie nach dem Ende des Bergbaus nicht im Stich lassen. Es liegt in unserer Verantwortung, einen Beitrag zum Wandel in den Bergbauregionen zu leisten und Perspektiven für die Menschen zu schaffen. Das bedeutet konkret? Der Bergbau bot beispielsweise auch zahlreiche Ausbildungsplätze sowohl in verschiedenen technischen und gewerblichen als auch kaufmännischen Berufen an. Auch Jugendlichen, deren Lebensläufe nicht unbedingt immer ganz gradlinig waren, gab der Bergbau eine Chance und qualifizierte sie. Mit dem Rückzug der Steinkohle gehen neben Arbeits- auch mehr und mehr Ausbildungsplätze verloren. Hier gilt es, Ersatz in NRW und an der Saar zu schaffen. Bildung stellt heute und zukünftig eine entscheidende Ressource für die Entwicklung der Regionen an Ruhr und Saar dar. Die RAG-Stiftung leistet einen Beitrag, junge Menschen zu fördern, die der Bergbau selbst leider nicht mehr aufnehmen kann. Vor diesem Hintergrund hat die Stiftung bereits Ausbildungsprogramme der Landesregierungen von Nordrhein- Westfalen und des Saarlands unterstützt. Bei der Förderung von Bildung, Wissenschaft und Kultur denkt die RAG-Stiftung nicht kurzfristig. Denn Ewigkeit ist eine Menge Zukunft, die gestaltet werden will. Im Jahr 2016 stehen uns für unsere gesamten Förderaktivitäten gut zehn Millionen Euro zur Verfügung. Die Stiftung unterstützt mit diesen Mitteln auch das Projekt „Talent- Metropole Ruhr“. Worum geht es dabei? „TalentMetropole Ruhr“ geht auf den Initiativkreis Ruhr zurück. Entlang der Bildungskette von der Kita über die Schulen bis zur Berufsausbildung oder zum Hochschulstudium werden Förderprogramme aus der Region vorgestellt. Insbesondere durch Maßnahmen zur Berufsorientierung und -vorbereitung erhalten Jugendliche hier eine Chance auf eine berufliche Perspektive, die es ohne Unterstützung schwer hätten, einen Ausbildungsplatz zu finden. Wagen wir zum Abschluss einen Ausblick. Wo sehen Sie die Stiftung und die RAG in der Zukunft? Ich bin fest davon überzeugt, dass wir unseren Auftrag als RAG-Stiftung erfolgreich erfüllen werden. Mit Blick auf die RAG bin ich ebenso sicher, dass sie die vor ihr liegenden Herausforderungen bis Ende 2018 verantwortungsvoll meistern wird. Und auch nach 2018 wird sie über die Bearbeitung der Ewigkeitsaufgaben sowie neuer Aufgabenfelder Vorstandsmitglied der RAG-Stiftung: Bärbel Bergerhoff-Wodopia. FOTO: KLINGENBURG fortbestehen. Finanzieren und Fördern: die RAG-Stiftung Die RAG-Stiftung fördert Projekte in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Kultur. In erster Linie ist sie jedoch ab 2019 für die Finanzierung der sogenannten Ewigkeitsaufgaben der RAG verantwortlich. Wer zahlt die Zeche? Zu den Ewigkeitsaufgaben zählen Grubenwasserhaltung, Grundwasserreinigung und Poldermaßnahmen. Die Kosten dafür übernimmt nach Stilllegung des Steinkohlenbergbaus ab 2019 die RAG-Stiftung, nicht der Steuerzahler. Eine Idee mit großer Überzeugungskraft, für deren Umsetzung man jedoch vor allem eines braucht: sehr viel Geld. Solide Beteiligungen Die RAG-Stiftung baut seit ihrer Gründung im Jahr 2007 ein Stiftungsvermögen auf, aus dessen Erträgen ab 2019 das Geld kommen soll, um die Ewigkeitsaufgaben zu finanzieren. Die Mehrheit am Spezialchemiekonzern Evonik Industries und die Beteiligung am Wohnungsbauunternehmen Vivawest bilden dabei die wichtigsten Grundpfeiler. Die RAG-Stiftung – die als Alleineigentümerin der RAG AG auch den sozialverträglichen Ausstieg aus dem deutschen Steinkohlenbergbau begleitet – beteiligt sich darüber hinaus an mittelständischen Unternehmen und investiert am Kapitalmarkt. Die Erlöse aus diesen Bereichen fließen ebenfalls in das Stiftungsvermögen ein. Trotz zwischenzeitlicher Börsenkrise und niedriger Zinsen ist der Vorstandsvorsitzende der RAG-Stiftung Werner Müller zuversichtlich, die jährlich benötigten rund 220 Millionen Euro aufbringen zu können. Denn schon jetzt sind die erwarteten Einnahmen der RAG-Stiftung jedes Jahr höher als die erwarteten Ausgaben ab 2019. Perspektiven schaffen Damit übernimmt die RAG-Stiftung Verantwortung für das, was der deutsche Steinkohlenbergbau an Aufgaben hinterlässt. Sie ist aber auch ein Akteur, der die Zukunft in den Bergbauregionen mitgestaltet. Jährlich fließt Geld aus dem Stiftungsvermögen in die Förderung von bergbaunahen Projekten in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Kultur. 2016 stehen hierfür gut zehn Millionen Euro zur Verfügung. Das Geld kommt zum Beispiel Institutionen zugute, die das Know-how und die Kultur des deutschen Steinkohlenbergbaus in die Zukunft tragen. Hierzu gehören auch das Deutsche Bergbau-Museum als forschende und museale Einrichtung sowie die private Technische Fachhochschule Georg Agricola zu Bochum. Der Förderschwerpunkt der RAG-Stiftung liegt aber im Bereich Bildung. Die Zechen waren in der Vergangenheit begehrte und bedeutende Ausbildungsbetriebe. Heute kann die RAG keine weiteren jungen Menschen mehr ausbilden. Um das zumindest teilweise zu kompensieren, unterstützt die RAG-Stiftung Ausbildungsprogramme für junge Menschen in Bergbauregionen. Sie sollen den Jugendlichen berufliche Perspektiven aufzeigen und sie in die Arbeitswelt begleiten. Beispiele für Kulturprojekte, die durch die RAG-Stiftung unterstützt werden, sind Initiativen rund um das Weltkulturerbe Zeche Zollverein, Aktionen mit der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, ein Online-Kunstführer für das Ruhrgebiet oder die Neugestaltung des Museums Bottrop. Kunst-Hopping: Die Touren des Online-Führers „kunstgebiet. ruhr“ führen auch zur Landmarke „Das Geleucht“ in Moers. FOTO: KLINGENBURG Das Gedächtnis des deutschen Steinkohlenbergbaus: das Deutsche Bergbau-Museum in Bochum. FOTO: DEUTSCHES BERGBAU-MUSEUM Die von der RAG-Stiftung geförderte TalentMetropole Ruhr hilft bei der Berufsorientierung. FOTO: INITIATIVKREIS RUHR GMBH


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