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2015_10_05_Glueck_auf_Region

Seite 2 // Glück auf. Region. T_63_02 Der Bergbau hinterlässt ein wichtiges Erbe des Ruhrgebiets, seine ehemaligen Flächen bieten Chancen für die Zukunft, findet Prof. Dr. Hans- Peter Noll, Vorsitzender der Geschäftsführung der RAG Montan Immobilien. In China beobachtet man interessiert, wie im Ruhrgebiet auf alten Zechen Quartiersentwicklung betrieben wird. Was für ein Konzept sehen wir hier? Für jede Fläche, die wir betreuen, muss eine passgenaue und nachhaltige Lösung gefunden werden. Das kann eigentlich jede Art von Nutzung sein, die man sich in der Immobilienwirtschaft vorstellen kann. Wichtig ist, dass die individuellen Faktoren wie Umfeld, Flächenart und Marktinteresse zusammen passen. Die Menschen wollen sehen, dass in ihren Städten keine Wunden hinterlassen werden. Das oberste Ziel der RAG lautet daher, keine verbrannte Erde zu hinterlassen. Und ja, China schaut auch interessiert auf unsere Arbeit und die Wandlungskompetenz des Ruhrgebietes. Auf dem Areal der Kokerei Zollverein liegt nun der Fokus auf der Entwicklung eines Bürostandorts. Dann gibt es die Quartiersentwicklung für privaten Wohnraum. Was könnte man aus alten RAG-Flächen noch machen? Das Spektrum ist riesig und wird nur durch die jeweilige Fläche, deren Potenziale und den Markt bestimmt. So sind wir zum Beispiel im Saarland seit zwei Jahren der größte Entwickler von Photovoltaik-Kraftwerken. Wir haben auf unseren Flächen Logistikparks und haben mit logport ruhr sogar eine gemeinsame Gesellschaft mit der Duisburger Hafen AG geschaffen, die sich um die Entwicklung von Logistikzentren auf ehemaligen Flächen des Bergbaus kümmert. Wir haben Stadtquartiersentwicklung im Sinne von Einkaufen, Wohnen und Freizeitnutzung. Wir haben reine Gewerbegebiete, aber auch Flächen nur für die freizeitliche Nutzung. Wir kommen von der Fläche, nicht aus einer bestimmten Branche. Wir suchen für jede Fläche die optimale Nutzung. Deshalb können wir jedes Mal neu denken. Ein großer Vorteil. Strukturwandel beginnt im Kopf, haben Sie mal gesagt. Doch jeder „Wir denken neu“ Kopf sieht die Welt bekanntlich mit seinen Augen. Wie viel Überzeugungsarbeit müssen Sie also bei den beteiligten Akteuren für eine Entwicklung in Ihrem Sinne leisten? Zum einen müssen wir einen Konsens mit der jeweiligen Kommune finden, was die Nutzungsart der Fläche angeht. Denn die Kommune hat die Planungshoheit, sie genehmigt also beispielsweise Bebauungspläne. Dann müssen wir die Menschen Prof. Hans-Peter Noll über den Strukturwandel in der Region mitnehmen, die um die Fläche herum leben. Wir müssen wissen, was sie wollen oder nicht. Das passiert über Bürgerveranstaltungen und über Facebook-Seiten – Jahre bevor die ersten Bagger anrollen. Bürger sind heute in hohem Maße an der politischen Willensbildung beteiligt. Die Zeiten, in denen über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden wurde, sind vorbei. Dann stimmen wir uns eng mit Naturschutzverbänden ab. Mit dem NABU haben wir eine Kooperation, bei der wir für alle unsere Projekte gemeinsam schauen, wo Konflikte entstehen könnten. Ziel der RAG Montan Immobilien ist letztlich die nachhaltige Quartiersentwicklung im Dreiklang von Ökonomie, Ökologie und der soziokulturellen Dimension. Wie lange dauern solche Prozesse? Ich skizziere mal den Idealfall: den Zukunftsstandort Ewald in Herten. Zwei Jahre vor Schließung des Bergwerks haben wir in engem Schulterschluss mit der Stadt Herten überlegt, wie eine sinnvolle Folgenutzung aussehen könnte. Dann kommt die Stilllegung samt der unterirdischen Räumung, oberirdischen Abrissarbeiten und einer Flächensanierung. Dieser Prozess dauert vier Jahre. Dann geht es mit Vollgas in die Vermarktung der Flächen und Ansiedlung neuer Betriebe. Das Bergwerk Ewald wurde im Jahr 2000 stillgelegt. Heute, 15 Jahre später, herrscht auf 80 Prozent der Fläche wieder reges Treiben, 1300 Arbeitsplätze sind entstanden. Ein einzigartiges Terrain mit faszinierender Haldenlandschaft ist Heimat für Hightech-Unternehmen, Handwerk und mittelständische Industrie geworden. Ein Musterbeispiel. Aber es zeigt auch deutlich, dass wir bei der Revitalisierung industriell vorgenutzter Flächen einen langen Atem benötigen. Wo liegt die Herausforderung, aus einer industriellen Brachfläche ein Stadtviertel zu machen? Zukunft zu schaffen. Deutlich zu machen, dass dieser Standort, der für viele im Moment noch Ort einer Niederlage ist – immerhin ist hier etwas zu Ende gegangen –, einen Platz im Morgen hat. Wir müssen Akzeptanz für neue Nutzungen schaffen, bei den Bürgern, den Kommunen und der Politik. Darüber hinaus müssen wir auch im Kräftespiel zwischen der Schaffung von Planrecht für die neue Entwicklung einerseits und der transparenten Erfassung und dem Sanieren von Altlasten anderseits den optimalen Weg finden. Wie muss heute ein nachhaltiges und innovatives Quartier aussehen? Ich möchte hier nachhaltig gleichsetzen mit zukunftsweisend. Je nach Nutzungsart muss ein Quartier mit modernen Ansprüchen, also mit Ökonomie, Ökologie und sozialen Aspekten, in Einklang stehen. Das Stadtbild, die Energieversorgung, die soziale Infrastruktur – all das muss bei der Planung berücksichtigt werden. Wichtig ist ein offener Entstehungsprozess, an dem die Bürger beteiligt sind und der sich an den Prüfsteinen der Nachhaltigkeit orientiert. So entstehen dann ganz unterschiedliche Quartiere. Auf der ehemaligen Zeche Lohberg mobilisieren Sie regenerative Energieträger wie Geothermie, Grubengas, Solarenergie, Windkraft und Biomasse. Sieht so die Zukunft aus? Lohberg ist ein idealtypisches Beispiel, wie wir uns nachhaltige Stadtentwicklung vorstellen. Das Nutzungskonzept wurde bis hin zur Realisierung unter einer permanenten Bürgerbeteiligung entworfen. Es „Das oberste Ziel der RAG lautet, keine verbrannte Erde zu hinterlassen.“ Prof. Dr. Hans-Peter Noll, Vorsitzender der Geschäftsführung, RAG Montan Immobilien gab gemeinsame Initiativen mit der Stadt und den Menschen vor Ort, aus der Gastronomie, der Kunst und Kultur, mit einem Kindergarten. So werden die Menschen hoffentlich sagen: Das ist unser Stadtteil. Daneben soll Lohberg ein Energie-Plus- Standort sein, hier soll also mehr Energie erzeugt als verbraucht werden. Nachhaltigkeit heißt auch Finanzierbarkeit. Wie gut sind Sie für die Entwicklung neuer Flächen in der Zukunft aufgestellt? Die ökonomische Betrachtung ist bei der Flächenentwicklung genauso wichtig wie die Berücksichtigung von Ökologie und sozialen Fragestellungen. Wir als RAG Montan Immobilien müssen alles, was wir tun, eigenwirtschaftlich finanzieren. Deshalb werden wir uns immer danach richten, was der Markt nachfragt. Wenn wir ein Nutzungskonzept für ein Wohngebiet entwickeln und dort will niemand wohnen, oder ein Gewerbegebiet ausweisen, dessen Flächen zu klein sind, dann machen wir einen Fehler. Ich schaue aber sehr zuversichtlich in die Zukunft, weil wir durch die Vielfalt der Produkte, die wir entwickeln, gut dafür gerüstet sind, am Strukturwandel der Region mitzuwirken. Montag, 05. Oktober 2015 Welche großen Projekte stehen in den nächsten Jahren an? Wir sind derzeit mit einer Vielzahl von Projekten in der gesamten Metropole Ruhr, im Saarland und auch schon im Kreis Steinfurt/Ibbenbüren in den unterschiedlichsten Entwicklungsstadien beschäftigt. Wir hatten gerade erst die Grundsteinlegung für die Folkwang Universität der Künste auf dem Welterbe Zollverein und den ersten Spatenstich für unseren Stadt- und Biomassepark Hassel in Gelsenkirchen. Außerdem entwickeln wir auf der Kokerei Zollverein einen hochwertigen Bürostandort, unter anderem wird dort die Hauptverwaltung der RAG Stiftung und der RAG entstehen. Im Kreativ.Quartier Lohberg läuft derzeit schon die Vermarktung der Wohnbauflächen, der Gewerbegrundstücke und der denkmalgeschützten Bestandsgebäude. Die in diesem Jahr anstehende Stilllegung der Zeche Auguste Viktoria in Marl birgt ein bedeutsames Projekt in der Emscher-Lippe-Region, ein Architekturwettbewerb für die Nutzungskonzepte ist gerade abgeschlossen. Derzeit entwickeln wir auch den Bergwerksstandort Lippe/Westerholt in Gelsenkirchen-Herten gemeinsam mit den beiden Städten. Sie sehen: Diese Flächen sind in der gesamten Metropole Ruhr verteilt und sind durchaus wichtige Bausteine im Strukturwandel der Region. Zum Schluss: Wie sieht das Ruhrgebiet in 50 Jahren aus? Mit den vereinten Kräften der Region, den Kommunen und den Bürgern, wird es uns gelingen, die ehemaligen Bergwerksstandorte marktund standortgerecht zu entwickeln. Diese Flächen werden keine Wunden in der Stadt bleiben, sondern in die Stadtlandschaft des Ruhrgebiets voll integrierte, lebenswerte Quartiere sein. Wir stehen zurzeit allerdings nach meiner Überzeugung an einem Scheideweg, an dem die Weichen für die Zukunft gestellt werden müssen, damit die Region den Sprung in die Zukunft schafft und auch außerhalb als attraktive Region und Marke wahrgenommen wird. Unesco-Welterbe Zollverein bietet Unternehmen eine neue Heimat Auf der Expo Real wird Zollverein als herausragender Kultur- und Wirtschaftsstandort präsentiert. Als Projekt- entwickler für Neubauprojekte treibt die RAG Montan Immobilien gemeinsam mit Kölbl Kruse die Entwicklung der ehemaligen Zeche und Kokerei Zollverein im Essener Norden voran. Unter der Federführung der Stiftung Zollverein als Betreiber und Entwickler des Unesco-Welterbes Zollverein sind auf dem 100 Hektar großen Standort bis 2016 Investitionen von rund 150 Millionen Euro geplant. Mehrere große Neubauprojekte werden derzeit realisiert. So wurde am 2. Oktober in Anwesenheit von NRW-Bauminister Michael Groschek und NRW-Innovationsministerin Svenja Schulze der Grundstein für den Bau der Folkwang Universität der Künste auf dem Designstadt- Areal des Welterbes gelegt, dem früheren Materiallagerplatz der Zeche. Zum Sommer 2017 beginnt dort der Hochschulbetrieb. In direkter Nachbarschaft ist ein neues Hotel geplant, das bis Ende 2017 bezugsfertig sein wird. Gebaut werden beide Projekte von der Welterbe Entwicklungsgesellschaft mbH & Co. KG, die von Kölbl Kruse und der RAG Montan Immobilien gegründet wurde. Auf dem ehemaligen Kokerei- Areal ist der Baubeginn für das Verwaltungsgebäude von RAG-Stiftung und RAG für 2016 geplant. Bauherr dieses Gebäudes, das direkt neben dem Unternehmenssitz der RAG Montan Immobilien entsteht, ist die Projektgesellschaft Zollverein – Im Welterbe 10 GmbH & Co. KG. Kölbl Kruse übernimmt die Rolle des Generalübernehmers. Der Neubau wird sich an modernsten Nachhaltigkeits Standards nach dem „cradle to cradle“-Konzept orientieren: Das Gebäude wird aus ortsbezogenen Materialien erstellt, die komplett recyclinggerecht sind. Bei der Planung stehen die Bedürfnisse der Nutzer im Mittelpunkt, durch die einfache Konstruktion ist das Gebäude wandlungsfähig und flexibel in der Nutzung. Ebenfalls wird auf technoide Elemente wie z.B. Klimaanlagen verzichtet. Für ein optimales Raumklima sorgen modernste nachhaltige Techniken auf Basis einer integrierten Energieversorgung. Die architektonische Planung übernimmt ein Team unter Führung des renommierten Büros kadawittfeldarchitektur aus Aachen. Offiziell wird das Projekt vom 5. bis 7. Oktober bei der Expo Real in München vorgestellt. Keine 100 Meter entfernt vom RAG-Komplex soll Mitte 2016 in der ehemaligen Gassauger-Kompressorenhalle der Kokerei eine neue Special Event Location, die Grand Hall Zollverein, eröffnet werden. Die Eventhalle wird Platz für Veranstaltungen mit bis zu 2.500 Menschen bieten. Ebenfalls auf dem Areal wird mit Unterstützung der Stiftung Zollverein das ehemalige Hauptstellwerk zwischen Kokerei und der Köln-Mindener-Bahn saniert und erweitert. Die Humanitas GmbH wird dort voraussichtlich 2016 ihren Hauptsitz ansiedeln. Der Krankenund Altenpflegedienst mit Standorten in Essen, Münster, Recklinghausen und Gelsenkirchen investiert rund 1,5 Millionen Euro in das Projekt. Ein weiterer Baustein auf dem Kokerei-Areal ist der Ausbau des ehemaligen Kammgebäudes, das die Stiftung Zollverein aktuell für Unternehmen der Kreativwirtschaft ertüchtigt. Anfang 2016 bezieht dort das erste Unternehmen einen Bürotrakt mit Werkstatt. Alle Projekte gemeinsam machen deutlich: Neben dem Erhalt des Gebäudeensembles als Industriedenkmal entwickelt sich das Welterbe Zollverein in Essen zu einem bedeutenden Bildungs- und Wirtschaftsstandort. Großes Interesse weckt dabei das Kokerei-Areal: Allein im September führte Oliver Dresen, zuständiger Projektsteuerer der RAG Montan Immobilien, zwei Gruppen von Investoren und Maklern über das Areal. Initiiert hatte den Besuch die Wirtschaftsförderung Essen, die nach „Krupp-Viertel“ und „nördlicher Innenstadt“ zunehmend den Standort Zollverein für Neuansiedlungen positionieren will. FOTO: RAG MONTAN IMMOBILIEN Noch ist auf Zollverein viel Platz, doch bis 2016 sind auf dem Gelände Investitionen von rund 150 Millionen Euro geplant. FOTOS: STACHELHAUS, RAG MONTAN IMMOBILIEN


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