RAG_Seite6

2014_10_06_Glueck_auf_Zukunft

Gelebte Erinnerungskultur Der Bergbau schrieb Geschichte und prägte dabei Menschen und Regionen. Sein Erbe wollen RAG und RAG-Stiftung pflegen und den Nachfolgegenerationen zugänglich machen. Auch nach dem Auslaufen des subventionierten deutschen Steinkohlenbergbaus setzt sich der Wandel in den Bergbauregionen fort. Die Verpflichtungen für die Bergbaufolgen bleiben, ebenso die Verantwortung für die Menschen und die Region. Mit ihren Erfahrungen aus dann 50 Jahren Bergbau wird die RAG daher auch nach 2018 ihren Beitrag zur Gestaltung des Wandels leisten und Lösungen für Herausforderungen der Zukunft mitentwickeln. Geschichte in die Zukunft tragen So bedeutet verantwortungsvolles Handeln für die RAG auch, den Auslauf des deutschen Steinkohlenbergbaus sozialverträglich zu gestalten. Dazu gehört unter anderem die umfassende Unterstützung bei der beruflichen Umorientierung. So hilft die RAG ihren Mitarbeitern bei Fortbildungen, Umschulungen oder der Suche nach einer neuen Stelle. Auch wer sich selbstständig machen will, bekommt Unterstützung. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Angeboten wie „Schnupperpraktika“ oder Weiterbildungsmaßnahmen, die Mitarbeitern den Einstieg in einen neuen Beruf erleichtern. Eine zentrale Nachfolgeplanung koordiniert und strukturiert Qualifizierung und die Weitergabe von Führungs, Fach- und Erfahrungswissen. Denn deutsche Bergbautechnik genießt weltweit einen herausragenden Ruf wegen ihrer Innovationskraft und ihrer Effizienz – hier übernimmt der Bergbau seit Jahrzehnten eine Schrittmacherfunktion in der Technologieentwicklung. Das zeigt sich nicht nur in Leistungssteigerungen bei Vortrieb und Abbau, Automation und Organisation, sondern auch in den Bereichen Umweltschutz und Arbeitssicherheit. Im Jahr 2012 erreichten die Unfallzahlen im deutschen Steinkohlenbergbau einen historischen Tiefstand. Dies ist neben dem technologischen auch einem Bewusstseinswandel zu verdanken. Und mit der internationalen Vermarktung von deutscher Bergbautechnologie und Know-how erreicht dieser Wandel auch den Bergbau in anderen Ländern – und verbessert dort zugleich Effizienz und Sicherheit. Unter nachhaltigem Handeln versteht die RAG aber auch, ihr kulturelles und soziales Erbe in der Heimat in die Zukunft zu tragen. Wie kaum eine andere Branche prägte Bergbau die Identität und Kultur der Regionen, die Kohlen förderten. Mit dem Auslauf jedoch geht eine Ära zu Ende. Das Vermächtnis für nachkommende Generationen gilt es nun nicht nur zu hüten, sondern auch in zeitgemäßer Form zugänglich zu machen und wissenschaftlich aufzuarbeiten. Das ambitionierte Vorhaben zählt zu den wichtigsten Herausforderungen der RAG für die kommenden Jahrzehnte. Kulturelle Einrichtungen spielen in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle. Im Ruhrgebiet widmet sich gleich eine ganze Reihe von Museen mit unterschiedlichen Schwerpunkten der Geschichte der Schwerindustrie. In anschaulichen Ausstellungen tragen sie dazu bei, dass Wissen und wertvolle Erinnerungen nicht verloren gehen. Zu ihnen gehört auch das Deutsche Bergbau-Museum (DBM) in Bochum, ein bedeutender Schauplatz des Bergbaus, aber insbesondere auch ein Ort der Dokumentation und Forschung. Die gelebte Erinnerungskultur stellt einen wichtigen Teil des Wandels in der Region dar, denn nur wo Vergangenes Wertschätzung erfährt, kann Neues wachsen. Viele ehemalige Bergleute engagieren sich heute in der historischen Aufarbeitung und als Botschafter der Bergbaukultur auf den stillgelegten Zechen. Als Zeitzeugen vermitteln sie den Jüngeren ein lebendiges Bild der Technik, Sitten und Gebräuche des Steinkohlenbergbaus. So leisten sie einen wichtigen Beitrag und tragen mit ihrer authentischen Art dazu bei, dass ehemalige Bergbauareale immer mehr Touristen anziehen. Wirtschaftsfaktor Industriekultur Dazu trug auch die Entwicklung in den vergangenen zwei Jahrzehnten bei: Es entstand eine Vielzahl attraktiver Kultureinrichtungen an vielen Bergbaustandorten im Ruhrgebiet. Die 400 Kilometer lange Route der Industriekultur zeigt eindrucksvoll diesen Strukturwandel auf. Von den Veränderungen zeugen nicht zuletzt die vielen Kunstprojekte auf den ehemaligen Zechen und Halden. Zu den schönsten zählt das sogenannte „Geleucht“ auf der Halde Rheinpreussen bei Moers, das der Künstler Otto Piene 2007 gestaltete. Das Objekt in Form einer überdimensionalen Davy-Grubenlampe taucht die beliebte Landmarke nachts in feuerrotes Licht. Ein Stück lebendige Vergangenheit. Drei Fragen an Michael Piontek Michael Piontek. FOTO: KLINGENBURG/RAG Michael Piontek ist ehemaliger Bergmaschinenmann. Er ging vom Bergbau in die Altenpflege. Heute arbeitet er als stellvertretender Pflegedienstleiter im Sankt Josefshaus in Refrath. Herr Piontek, denken Sie noch oft an Ihre Zeit bei der RAG zurück? Ja, natürlich. Ich bin der RAG auch nach den vielen Jahren heute noch dankbar. Sie zeigte mir neue berufliche Wege auf und eröffnete mir so eine echte Perspektive. Meine Grubenlampe hängt übrigens immer noch an der Wohnzimmerwand. Wie sah Ihr beruflicher Werdegang vom Bergmann zum Altenpfleger und weiter aus? Ich absolvierte eine Umschulung zum Altenpfleger. Danach besuchte ich mehrere Weiterbildungen – zur Wohnbereichsleitung, zum Pflegedienstleiter, Heimleiter und zum Gesundheitsmanager. Aktuell arbeite ich wieder als Pflegedienstleiter – das ist mehr Basisarbeit. Ich möchte den Kontakt zu den Bewohnern pflegen. Sie geben einem viel zurück. Gibt es etwas, was Sie zukünftigen Teilnehmern an Umschulungen mitgeben möchten? Ja, es gibt eine Sache: Wir Bergleute kennen harte Arbeit und Druck. Das kommt mir heute als Altenpfleger zugute und hilft sicherlich auch in anderen Berufen. Lebendige Vergangenheit: das Kunstprojekt „Geleucht“. FOTO: WAZ FOTOPOOL WAS DIE RAG AUSZEICHNET „Was die RAG auszeichnet, das war und ist die Möglichkeit, Chancen und Risiken auszugleichen und Personal sinnvoll einzusetzen und auszugleichen. ‚Verantwortung’ ist ein zentraler Begriff für das Unternehmen, und zwar für die, die blieben, aber auch für die, die gingen. Das betraf zum Beispiel auch die Ausbildung. Nirgendwo sonst ist der Appell der öffentlichen Hände, mehr Jugendliche auszubilden als zur eigenen Nachwuchssicherung notwendig, so eindrucksvoll befolgt worden wie im Steinkohlenbergbau. Ebenso zu nennen sind hier die unter der Mitbestimmung entwickelten Maßnahmen des Gesundheits- und Arbeitsschutzes, die vorbildlich waren Adolf Schmidt. FOTO: RAG und sind.“ Adolf Schmidt (1925 - 2013), ehemaliger Vorsitzender der IG Bergbau und Energie Wie aus „Gastarbeitern“ Kollegen und Freunde wurden 1987 1990 1992 1997 Papst Johannes Paul II besucht das Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop. Die drei bestehenden Bergbau-Aktiengesellschaften werden in die Ruhrkohle AG verschmolzen. Die Kokerei Kaiserstuhl III geht als technisch, wirtschaftlich und ökologisch modernste Kokerei der Welt in Dortmund in Betrieb. 222 000 Menschen bilden das „Band der Solidarität“ – eine knapp 100 Kilometer lange Menschenkette quer durchs Ruhrgebiet. Integration im Steinkohlenbergbau: eine Erfolgsgeschichte. Als die ersten „Gastarbeiter” aus der Türkei im Jahr 1961 am Flughafen in Düsseldorf ankamen, war ihnen hauptsächlich kalt – keiner der Neuankömmlinge ahnte, wie sich ihre Ankunft auf die hiesige Bergmannskultur auswirken sollte. Heute steht fest: Mit dem Zustrom an Gastarbeitern und ihrem Leben in den Revieren schrieb der Steinkohlenbergbau ein Stück Integrationsgeschichte. Deutschland als neues Zuhause Den Startschuss für die erfolgreiche Integration lieferte das deutsch-türkische Anwerbeabkommen, das Landesvertreter beider Seiten 1961 unterzeichneten. Es sollte die Auswirkungen der Kriegszeit auf einfache Weise beheben – mangelnde Arbeitskräfte auf der einen, hohe Arbeitslosigkeit und Handelsdefizite auf der anderen Seite. Zwei Jahre bekamen die Gastarbeiter Zeit, in Deutschland Geld zu verdienen. Danach sollten neue Arbeiter ihren Platz einnehmen. Bis zum Anwerbestopp im Jahr 1973 reisten rund 865 000 türkische Arbeitskräfte ein. Doch das Rotationsprinzip schlug fehl: Deutsche und türkische Kollegen arbeiteten längst Hand in Hand, und viele der Arbeiter fanden hier ein neues Zuhause. Wie kaum ein anderer Berufsstand setzten Bergleute damals wie heute auf Solidarität und Toleranz. Bei der Arbeit unter Tage muss man sich blind aufeinander verlassen können. Hier zählen vor allem Verantwortungsbewusstsein und Hilfsbereitschaft – nicht Herkunft oder Religion. Im deutschen Steinkohlenbergbau fanden bis heute schätzungsweise zehn unterschiedliche Nationalitäten eine Beschäftigung. Neben der Türkei stammte ein Großteil der Belegschaft auch aus Familien mit italienischem, polnischem, griechischem oder ungarischem Hintergrund. Pioniere der Kulturarbeit Integration bleibt praktizierter Alltag im Bergbau – nicht zuletzt auch wegen der Revierarbeitsgemeinschaft für kulturelle Bergmannsbetreuung e. V. (REVAG). Im Jahr 1948 als Fachstelle für die kulturelle Betreuung der Bergarbeiter gegründet, leistete die REVAG auf dem Gebiet der Kulturarbeit für Bergleute Pionierarbeit. Sie führte Gastarbeiter aus ihrer sprachlichen und kulturellen Isolation, schaffte Vertrauen zwischen Zuwanderern und Einheimischen und eröffnet bis heute Chancen für eine gleichberechtigte Teilhabe von Migranten am sozialen, politischen und gesellschaftlichen Leben. Angebote wie Projekte zur Sprachförderung gehören dabei als fester Bestandteil zum Programm. Daneben arbeitet der Verein in sechs weiteren Bereichen: Weiterbildung „REVAG-Bildungswerk”, Bergbaukultur, Politik und Gesellschaft, Gesundheit und Sport sowie kulturelle Bildung. Türkische Gastarbeiter 1972 im Ruhrgebiet. FOTO: RAG


2014_10_06_Glueck_auf_Zukunft
To see the actual publication please follow the link above