RGB_011_10-11_Sozialpartnerschaft.indd_web

001_01_Titel.indd_web

N a c h h a l t i g k e i t Steinkohle Mi tarbei ter und Unternehmen 1 1 RAG auf ein starkes Bündnis Beim fünften Ordentlichen Gewerkschaftskongress in Hannover stellte der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis das Thema Nachhaltigkeit in den Vordergrund seiner Rede. „Unser Handeln muss in einem umfassenden Sinne nachhaltig sein. Wir verbinden mit dem Nachhaltigkeitsbegriff die Gleichberechtigung von Ökonomie, Sozialem und Ökologie”, sagte Michael Vassiliadis auf dem Kongress der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) im Oktober in Hannover. Nach Auff assung des IG-BCE-Vorsitzenden konzentriere sich die Debatte über Nachhaltigkeit bisher zu stark auf ökologische Themen. Soziale Belange kämen hingegen zu kurz. Die IGBCE will deswegen soziale Nachhaltigkeit stärken und diese vermehrt in die gesellschaftliche und politische Debatte einbringen. Ein geordneter Arbeitsmarkt, faire Arbeitsbedingungen und gerechte Entlohnung sowie Tarifverträge, Partizipation und gute Arbeit gehören zu den zentralen Themen, die die IGBCE nachhaltig vorantreiben will. Sowohl das Instrumentarium der betrieblichen und überbetrieblichen Mitbestimmung als auch die Kultur einer echten Sozialpartnerschaft zählen zu den wesentlichen Voraussetzungen für die Verwirklichung sozialer Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit könne nicht oben verordnet werden. Der Prozess müsse gemeinsam auf Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite ablaufen, unterstrich Vassiliadis. Deswegen will die Gewerkschaft stärker darauf drängen, Nachhaltigkeitsthemen in Betriebs- und Sozialpartnervereinbarungen sowie Tarifverträgen zu verankern. Ein Paradebeispiel dafür zeigt die Initiative Chemie 3 : Gemeinsam mit dem Verband der Chemischen Industrie e.V. (VCI) und dem Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) verfolgt die IGBCE das Ziel, Nachhaltigkeit als Leitbild innerhalb der gesamten Chemiebranche und ihrer Mitgliedsunternehmen zu verankern. Die Nachhaltigkeitsinitiative besitzt Modellcharakter – auch weil Arbeitgeber und Industrie sich darin ausdrücklich zur Mitbestimmung und Mitgestaltung durch Betriebsräte und Gewerkschaft bekennen. Integration im Steinkohlenbergbau: eine Erfolgsgeschichte Wie aus „Gastarbeitern” Freunde und Kollegen wurden Als die ersten „Gastarbeiter” aus der Türkei im Jahr 1961 am Flughafen in Düsseldorf ankamen, war ihnen hauptsächlich kalt – keiner der Neuankömmlinge ahnte, wie sich ihre Ankunft auf die hiesige Bergmannskultur auswirken sollte. Heute steht fest: Mit dem Zustrom an Gastarbeitern und ihrem Leben in den Revieren schrieb der Steinkohlenbergbau ein Stück Integrationsgeschichte. Den Startschuss für die erfolgreiche Integration lieferte das deutsch-türkische Anwerbeabkommen, das Landesvertreter beider Seiten im Oktober 1961 unterzeichneten. Das Abkommen sollte die Auswirkungen der Kriegszeit auf einfache Weise beheben – mangelnde Arbeitskräfte auf der einen, hohe Arbeitslosigkeit und Handelsdefi zite auf der anderen Seite. Zwei Jahre bekamen die Gastarbeiter Zeit, in Deutschland Geld zu verdienen. Danach sollten neue Arbeiter ihren Platz einnehmen. Bis zum Anwerbestopp im Jahr 1973 reisten rund 865.000 türkische Arbeitskräfte ein. Doch das Rotationsprinzip schlug fehl: Deutsche und türkische Kollegen arbeiteten längst Hand in Hand, und viele der Arbeiter fanden hier ein neues Zuhause. Wie kaum ein anderer Berufsstand setzten Bergleute damals wie heute auf Solidarität und Toleranz. Bei der Arbeit unter Tage muss man sich blind aufeinander verlassen können. Hier zählen vor allem Verantwortungsbewusstsein und Hilfsbereitschaft – nicht Herkunft oder Religion. Im deutschen Steinkohlenbergbau fanden bis heute schätzungsweise zehn unterschiedliche Nationalitäten eine Beschäftigung. Neben der Türkei stammte ein Großteil der Belegschaft auch aus Familien mit italienischem, polnischem, griechischem oder ungarischem Hintergrund. Integration bleibt praktizierter Alltag im Bergbau – nicht zuletzt auch wegen der Revierarbeitsgemeinschaft für kulturelle Bergmannsbetreuung e. V. (REVAG). Im Jahr 1948 als Fachstelle für die kulturelle Betreuung der Bergarbeiter gegründet, leistete die REVAG auf dem Gebiet der Kulturarbeit für Bergleute Pionierarbeit. Sie führte Gastarbeiter aus ihrer sprachlichen und kulturellen Isolation, schaff te Vertrauen zwischen Zuwanderern und Einheimischen und eröff net bis heute Chancen für eine gleichberechtigte Teilhabe von Migranten am sozialen, politischen und gesellschaftlichen Leben. Angebote wie Projekte zur Sprachförderung gehören dabei als fester Bestandteil zum Programm. Daneben arbeitet der Verein in sechs weiteren Bereichen: Weiterbildung „REVAG-Bildungswerk”, Bergbaukultur, Politik und Gesellschaft, Gesundheit und Sport sowie kulturelle Bildung. »Was die RAG auszeichnet, das war und ist die Möglichkeit, Chancen und Risiken auszugleichen und Personal sinnvoll einzusetzen und auszugleichen. ‚Verantwortung’ ist ein zentraler Begriff für das Unternehmen, und zwar für die, die blieben, aber auch für die, die gingen. Das betraf zum Beispiel auch die Ausbildung. Nirgendwo sonst ist der Appell der öff entlichen Hände, mehr Jugendliche auszubilden als zur eigenen Nachwuchssicherung notwendig, so eindrucksvoll befolgt worden wie im Steinkohlenbergbau. Ebenso zu nennen sind hier die unter der Mitbestimmung entwickelten Maßnahmen des Gesundheits- und Arbeitsschutzes, die vorbildlich waren und sind.« Adolf Schmidt (1925–2013), ehemaliger Vorsitzender der IG Bergbau und Energie Auch IGBCE treibt Nachhaltigkeit voran Soziale Dimension steht im Vordergrund. Bürger aus Nachbarländern fanden durch den Bergbau in Deutschland eine Heimat. alle Branchen in Deutschland. Ihr wichtigstes Gut lautet „uneingeschränkte Solidarität”.


001_01_Titel.indd_web
To see the actual publication please follow the link above